Wir wissen es alle...
…und trotzdem ist es immer wieder erschreckend.
Dass die Tiermedizin die Tiere heilt und auf unglaublich hohem Niveau alles tut, ein lebenswertes Leben sicherzustellen, macht mich dankbar.
Dass sie aber für die Menschen, die sie leisten, mitunter unglaublich hohe Belastungen für Körper. Geist und Seele mit sich bringt, das macht mir oft Sorge, um nicht zu sagen auch Angst. Natürlich hat das viel mit einem meiner Lieblingsmenschen zu tun, nämlich mit meiner Veti-Tochter (Update: aktuell in den letzten Zügen des letzten Staatsexamens. Läuft, aber zwischendrin immer wieder mal im Ausnahmezustand).
Aber es hat auch mit den Menschen zu tun, denen ich in Zusammenhang mit meiner Arbeit begegnen darf, deren Praxisalltag wir mit viel Reflexion und passenden Kniffen leichter gestalten.
Und es hat auch viel mit (Social) Media zu tun. Aktuell wieder eine heiße Debatte nach einem Artikel im Tagesspiegel mit dem markigen Titel „Warum bringen sich so viele Tierärzte um?“. Und, wie Debatten auf Social Media so sind, finden wir da ziemlich vieles, was die Gemüter weiter erhitzt, aber wenig, was wirklich dazu geeignet wäre, Verständigung zu fördern. Zum Beispiel die nicht ganz unwichtige Verständigung zwischen „den Tierärzten“ und „den Kunden“.
Leute, das ist kontraproduktiv. Denn alles, was das „wir hier – und die dort“ befeuert, wird von den Patientenbesitzern beim nächsten Besuch mit in die Praxis gebracht – und, sind wir mal ehrlich, nimmt vermutlich auch in der Praxis und Klinik in Empfang.
Über diese multiplen Spannungsfelder, die auch für mich in meiner Arbeit – mit Praxisinhabern, Praxismanagern, Tierärzten, TFAs und Tierhaltern, und natürlich in meinen überwiegend privaten Kontakten mit Vetis – oft eine Herausforderung darstellen, und einen Annäherungsversuch an Verständnis und Integration habe ich in meinem neuen Artikel geschrieben. Wie immer auf VetStage.de und hier in meinem Blog.
Und wenn du mir auf VetStage folgen magst: dieser Link bringt dich gleich hin.
Hab Freude an dem, was du bewegst & gib acht auf das, was dich bewegt!
Herzlichst! Steffi
„Intuitive Propädeutik“: ein Denkrahmen für nicht-medizinische Rule-Outs im Praxisalltag
In meiner Arbeit und meinem Austausch mit Praxisinhabern, angestellten Tierärzten, TFAs und Praxismanagern bekomme ich viele Einblicke in das, was ihr alle in eurem Berufsalltag so erlebt. Naturgemäß sind dies sehr unterschiedliche Perspektiven, die ich von euch auf dieselben Themen eröffnet bekomme. Das Erleben von Studierenden in Lehre, Praktika und Famulatur erlebe ich seit Jahren sehr nah, sehr persönlich und entsprechend ungeschminkt. Austausch mit Praxisinhabern im engsten Freundeskreis ermöglichen noch einmal eine andere Sicht auf den Praxisalltag. Als Tierhalterin habe ich in Hunde- und Pferdekreisen Kontakte zu anderen Tierhaltern.
Aus diesen verschiedenen Rollen ergeben sich nicht nur verschiedene Perspektiven, sondern zwangsläufig auch viele Widersprüchlichkeiten, denen ich immer wieder begegne.
Wachsende Spannungsfelder
Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Fortschritte in der Tiermedizin so rasant voranschreiten, in der in Diagnostik und Therapie Dinge möglich sind, an die wir vor wenigen Jahren noch gar nicht gedacht haben, scheint die Unzufriedenheit auf der „anderen Seite“ zuzunehmen. Patientenbesitzer treten mit zunehmend höheren Erwartungen, größerer Ungeduld und deutlicheren Forderungen auf. Mehr ist möglich, also soll auch mehr geleistet werden, aber bitte nicht für mehr Geld.
Ausgerechnet in einer Zeit, in der Arbeitgebende mehr in ihre Mitarbeitenden und deren Zufriedenheit investieren als vielleicht jemals zuvor, in Fortbildungen auch zu nicht-medizinischen Themen, Teamentwicklungen und bessere Arbeitsbedingungen, scheint die Unzufriedenheit im Job immer lauter zu werden. Egal, wieviel gegeben wird, scheint immer irgendwo ein Mangel zu bleiben.
Ausgerechnet in einer Zeit, in der viele Unternehmen Leitbilder und Werte entwickeln und sich auf die Fahne schreiben, ist die Bereitschaft zum Jobwechsel aufgrund mangelnder Wertschätzung und einem vielerorts harschen Ton, zahlreicher Überstunden und etwa Angst, Fehler zu machen, hoch.
Ausgerechnet in einer Zeit, in der Praxen, die über Jahrzehnte mit enormem Einsatz aufgebaut wurden, altersbedingt abgegeben werden sollen, scheint es keine ausreichend große junge Generation zu geben, die bereit ist, diese Verantwortung und diesen „Lifestyle“ zu übernehmen und die Praxen in die Zukunft zu führen.
Und ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mehr denn je um die Bedeuetung psychischer und mentaler Gesundheit wissen, täglich von Selbstfürsorge hören und lesen, scheinen die Belastungen aus diesem anspruchsvollen Beruf immer deutlichere Spuren zu hinterlassen.
Hinzu kommt eine Lehre, die zunehmend von den Möglichkeiten der Online-Ausbildung und einer starken Fokussierung auf die Theorie auch in Prüfungen geprägt ist. Gleichzeitig ist die Unzufriedenheit über fehlende praktische Kompetenzen bei den jungen Berufseinsteigern groß – vermutlich ähnlich groß wie die Unsicherheit in der Praxis bei den jungen Tierärzten selbst.
Notwendigkeit: Integration. Realität: Trennung.
Währenddessen hören die zwischenmenschlichen Herausforderungen nicht auf, im Gegenteil: trotz aller Bemühungen scheinen sie eher zuzunehmen.
Fronten verhärten sich, Gräben werden tiefer, und das Problem sind in der Regel die jeweils anderen.Wir hier – die dort. Dieses Denken ist verständlich, leider jedoch nicht hilfreich.
Denn vieles von dem, was sich Praxisalltag anstrengend, zermürbend oder unfair anfühlt, ist kein isoliertes Phänomen, und schon gar nicht das Problem nur bestimmter Beteiligter. Es ist eine Vielzahl an Themen, Dynamiken und Belastungen, die zusammenwirken, und damit erzeugen mehrere Faktoren, die sich wechselseitig bedingen, gleichzeitig Druck. Wer hier vorschnell reagiert oder an der nächstbesten Stelle ansetzt und meint, damit müsste sich aber wirklich etwas verbessern, behandelt Symptome, ohne das Gesamtbild zu erfassen.
In der Medizin wäre dieses Vorgehen undenkbar. Bei komplexen Beschwerdebildern halten wir inne, gehen anamnestisch vor, differenzieren, prüfen Hypothesen und versuchen, Zusammenhänge zu verstehen, bevor wir handeln. In jeden dieser Schritte fließen alle Erfahrungen ein, die wir im Laufe unseres Berufslebens gemacht haben. Die Intuition schließlich – unser „Bauchgefühl“ auf bewusster Basis all dieser Erfahrungen ist das Tüpfelchen auf dem i und macht nicht selten den entscheidenden Unterschied in Sachen Behandlungserfolg.
Ich schreibe „wir“. Ich bin keine Tiermedizinerin, sondern Psychologin. Nicht-medizinische, komplexe unternehmerische und zwischenmenschliche Beschwerdebilder sind meine Profession, und tatsächlich gehe ich dabei genauso vor. Wenn wir dieses medizinische Vorgehen auf nicht-medizinische Herausforderungen übertragen wollen, braucht es keine komplizierten Modelle. Es reicht eine einfache innere Sortierung, eine Art propädeutischer Überblick, bevor wir – gerne auch intuitiv – entscheiden, wo wir mit unserer einfachen Lösung für ein komplexes Problem ansetzen.
Zur Orientierung hat sich eine Dreiteilung bewährt, die vielen implizit vertraut ist, aber selten bewusst genutzt wird:
Womit haben wir es zu tun?
- Die individuelle Ebene
Individuelle Faktoren aus der Gesamtheit an persönlichen akuten Dynamiken und Mustern aus Wahrnehmen, Denken, Fühlen & Handeln und biologischen Faktoren, die innere Einstellung, Bewältigungsstrategien, Qualifikationen und aktuelle Verfasstheit
- Die systemische Ebene
Akute Dynamiken und Muster der Praxis oder Klinik mit ihren Menschen und der eigenen Kultur (z.B. unausgesprochene Erwartungen, verdeckte Loyalitäten, Tabus, Rollen(un)klarheiten, implizite Regeln). Sie sind wirksam obwohl unsichtbar, weil alle in Bezug darauf handeln und entweder mitspielen, oder dagegen.
- Die strukturelle Ebene
Die äußeren Rahmenbedingungen der Praxis oder Klinik (Personaldecke, Fallzahlen, Schichtsystem, Prozesse, Urlaubsplanung, Vertretungsregelung etc.)
Ein Blick auf diese 3 Ebenen macht deutlich, dass ihre einzelnen Punkte günstig und ungünstig, also sowohl als Belastungs-, wie auch als Schutzfaktoren wirken können. Sie wirken wie erwähnt gleichzeitig und wechselseitig.
Medizinisches Handeln im nicht-medizinischen Feld
Wer diese Ebenen kennt, kann einordnen, welche Verantwortung wo liegt und findet viele Ansatzpunkte für einfache, passende und damit wirksame Interventionen. Wir können Belastungsfaktoren versuchen abzuschwächen und Schutzfaktoren zu stärken. Entscheidend ist jedoch nicht, alle gleichzeitig mit möglichst vielen Interventionen zu bearbeiten, sondern wahrzunehmen, wo sich das Problem zeigt und – gerne auch intuitiv – zu entscheiden, wo der Kern liegen könnte bzw. auf welcher Ebene man am liebsten beginnen möchte. Die Leitfragen hierbei können sein: „Wo liegt aktuell der größte Hebel?“ und „Wo wäre es fahrlässig, nichts zu tun?“ Eine kleine Intervention auf der passenden Ebene kann eine überraschend große Wirkung entfalten, für den Einzelnen, und auch für das gesamte System. Voraussetzung dafür ist, dass wir ihr Zeit geben, sich zu entfalten und beobachten, was sich tatsächlich verändert, bevor wir nachjustieren.
Allerdings… in der Regel reicht das alleine nicht aus und führt somit zu Frustration. Warum z.B. gehen die Krankheitstage trotz Resilienztrainings etc. nicht runter? Die Antwort liegt auf der Hand, finde ich: Weil es z.B. bei dieser Frage nicht ausreicht, auf der individuellen Ebene anzusetzen. Vielmehr geht es darum, auf einer Ebene Schwerpunkte zu setzen und sie auf den anderen Ebenen – in Ruhe – zu flankieren. Mit Augenmaß und ohne Praxisführung, System und Mitarbeitende zu überfordern.
Das verstehe ich unter Passung. Wenn nun die Veränderungen auch noch einfach umzusetzen sind, haben sie gute Chancen, von Neuerungen zur neuen Normalität zu werden. Denn was zu kompliziert wird, wird nicht umgesetzt – nicht aus Widerstand oder aus persönlichem Scheitern, sondern aus Überlastung.
Gut sortiert ist halb gewonnen
Für die erste Einordnung habe ich eine kompakte Blaupause entwickelt, die ich in Kürze auf VetStage einstellen werde. Eine Reflexionshilfe, um ein Problem entlang der drei Ebenen zu betrachten, Zusammenhänge sichtbar zu machen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo sinnvollerweise zunächst angesetzt wird. Sie soll auf der anderen Seite verhindern, dass aus entweder viel gutem Willen oder vielleicht auch hohem Leidensdruck heraus an zu vielen Stellen gleichzeitig gearbeitet wird.
Sie wird „ready tu use“ sein als Vorlage für diejenigen, die gerne mit Papier und Stift arbeiten, und auch als GPT für diejenigen, die gerne AI als Sparringspartner nutzen.
Wenn du sie nicht verpassen und als Erstes erfahren magst, wenn sie fertig ist, folge mir hier auf VetStage!



