Und ich frage mich, in welchem Berufsfeld sie sich in den kommenden Jahrzehnten bewegen wird.
Heute ist meine Tochter Tierärztin geworden. Die letzte Examensprüfung ist geschafft, die Approbationsurkunde wird bald im Briefkasten landen (bis dahin ist sie natürlich nicht Tierärztin, sondern nur „Absolventin des Studiums der Tiermedizin“… wir wollen ja korrekt bleiben). In 4 Wochen steigt der Abschlussball. Das Kleid muss noch zur Schneiderin.
Ich bin so mega stolz – und erleichtert. Und es gehen mir so viele Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf.
Ich denke an das kleine Mädchen mit den blonden Locken zurück, dessen erste Worte nach „Mama“ und „Papa“ „Pony“, „Wauwau“ und „Mau“ waren. Das schon im Kindergarten verkündet hat, Tierärztin zu werden – „Kaninchenarzt“ hat ihr kleiner Bruder immer gesagt, und dabei hatten wir nur Hunde. An den Moment, als die Zusage für den Studienplatz kam (ein paar Tage nach der Absage für einen Ausbildungsplatz als TFA, für den sie sich sicherheitshalber parallel beworben hatte). An Anatomie-Testate, dieses verflixte Physikum, durchlernte Nächte und die Achterbahn aus Freude, nackter Angst, Panik, tiefer Verzweiflung, Nervenzusammenbruch und sich doch immer wieder aufraffen und weitergehen.
Und ich denke immer noch an einen Satz vom allerersten Studientag. Meine Tochter kam nach Hause und erzählte, dass man ihnen gesagt habe, wie hart dieses Studium sei. Dass es viele nicht schaffen würden. Dass manche sich umbringen. Und dass man lieber früh aussteigen solle, wenn man merke, dass es zu viel werde.
Ich erinnere mich sehr genau an diesen Moment. An ihre Mischung aus Überraschung, Schaudern, aber auch Stolz, es überhaupt bis hierhin geschafft zu haben.
Als Mutter hat mich das sofort sehr wachsam gemacht. Und als Psychologin erst recht.
Ich finde nicht, dass man jungen Menschen die Realität dieses Berufs schönreden sollte. Tiermedizin ist anspruchsvoll, auf allen Ebenen. Natürlich braucht es dafür Belastbarkeit. Aber Belastbarkeit und frühe Normalisierung von Überforderung sind nicht dasselbe. Und genau deshalb beschäftigt mich das, was hinter diesem Satz steht, nämlich die „Kultur“ im Berufsfeld der Tiermedizin, seit einigen Jahren ganz wesentlich in meiner Arbeit.
Einschub: Disclaimer
Wenn du ein*e erfahrene Tierärzt*in bist, könnte es sein, dass du beim Lesen manchmal das Gefühl hast, ich würde Branchenbashing betreiben – oder noch schlimmer: Menschen pauschal kritisieren, die unglaublich viel geleistet und aufgebaut haben und sich auch viel Mühe geben, den Nachwuchs freundlich und unterstützend zu fördern.
Sei dir ganz sicher: weder das Eine, noch das Andere würde mir im Traum einfallen. Ich arbeite mit euch, meinen Traumkunden, aus Überzeugung und mit großer Leidenschaft und Achtung vor dem, was jede*r Einzelne bis dahin geleistet hat. Und sei es gerade mal das erste Anatomie-Testat.
Meine Arbeit zeigt mir jedoch auch und gerade die Schattenseiten auf, die naturgemäß jedem System neben dem Licht eben auch innewohnen. Mein Fokus als Psychologin ist das Erleben und Verhalten von Menschen in der sie umgebenden Welt. Und die so zu gestalten, dass beides mehr Freude schenkt, ist mein Antrieb.
Was macht es mit jungen Menschen, wenn Überlastung früh normalisiert wird?
Was passiert innerlich, wenn Überforderung nicht als mögliches Risiko benannt wird, sondern fast wie ein erwartbarer Bestandteil des Weges? Wenn die implizite Botschaft lautet: Das hier wird dich an deine Grenzen bringen. Manche zerbrechen daran. Schau besser früh, ob du dafür gemacht bist.
Ich bin sicher, die Absicht ist eine gute. Ehrlichkeit. Vorbereitung. Realismus, und das Wissen, dass die Erwartungen von sehr, sehr vielen der jungen Studierenden wenig bis gar nichts mit der Realität in diesem Beruf zu tun haben. Das finde ich auch extrem wichtig, hier grundsätzlich aufzuklären, aber dazu mehr an anderer Stelle. Und ganz bestimmt steht dahinter auch der Wunsch, diese erwartungsvollen jungen Menschen zu schützen und die
bange Hoffnung, dass es niemand von ihnen treffen möge.
Ich denke, diese jungen Menschen, die mit Motivation, Idealismus und einer oft sehr romantisierten Vorstellung in so ein Studium starten, hören allerdings nicht die dahinter stehende Absicht.
Welche Kultur entsteht, wenn Härte als Eintrittspreis gilt?
Kultur entsteht ja nicht durch das, was offiziell formuliert wird. Sondern Kultur entsteht durch das, was innerhalb dieses Systems gelebt, belohnt, bestraft, geduldet oder stillschweigend weitergegeben wird. Wenn also Härte als notwendiger Teil professioneller Sozialisation gilt, lohnt sich aus meiner Sicht ein genauer Blick, weil das nicht trivial ist. Selbstverständlich braucht Medizin Belastbarkeit, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein. Aber braucht sie wirklich auch Härte? Ich spreche nicht von Klarheit, die ist notwendig. Aber wo Klarheit mehr abschreckt oder einschüchtert als mir Sicherheit für die Entwicklung meines Wertesystems und Orientierung für mein Handeln zu geben, handelt es sich um Härte, die auf Dauer müde macht und zermürbt.
Und wollen wir wirklich Zermürbung als Filter? Oder haben wir uns an manche Dynamiken einfach gewöhnt, weil sie immer schon da waren?
Das sind unbequeme Fragen. Aber genau deshalb sind sie relevant, finde ich. Und wenn ich über diese Fragen nachdenke, lande ich früher oder später hier: Wir wissen aus Entwicklungspsychologie, Lernpsychologie und der Arbeits- und Organisationspsychologie sehr gut, unter welchen Bedingungen Kompetenzen wachsen.
Kompetenzen wachsen nicht durch maximale Härte und nicht durch permanente Überforderung. Sie wachsen nicht durch das Gefühl, besser keine Schwäche zu zeigen. Sondern durch eine Mischung aus Anspruch, Zutrauen und Unterstützung. Kompetenzen wachsen durch klare Erwartungen, durch Verantwortung und durch die Erfahrung: Ich darf lernen. Ich darf Fehler machen. Ich werde ernst genommen. Und wenn es schwierig wird, muss ich nicht so tun, als wäre alles unter Kontrolle.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, Menschen vor jeder Herausforderung zu schützen oder ihnen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Darum geht es nicht, ganz im Gegenteil, denn Entwicklung beginnt dort, wo es in gewisser Weise ungemütlich wird.
Aber Entwicklung braucht eben auch Sicherheit.
Und ich frage mich manchmal, warum uns diese Haltung in vielen beruflichen Kontexten so viel schwerer fällt als in anderen Entwicklungsräumen. Warum wir oft selbstverständlich davon ausgehen, dass junge Menschen in anspruchsvollen Berufen vor allem durch Anspruch und oft auch Härte professionell werden.
Obwohl wir gleichzeitig wissen, dass Menschen unter Bedingungen von psychologischer Sicherheit, klarer Führung, echter Unterstützung und hohem Zutrauen oft deutlich besser lernen, wachsen und Verantwortung übernehmen.
Wieviel Selektion durch Zermürbung halten wir für akzeptabel?
Nicht jede Form von Belastung ist vermeidbar und nicht jede und jeder ist für jede berufliche Realität geeignet. Das gilt ja für viele Berufsfelder, und die Tiermedizin ist nur ein Feld davon. Der Sohn von Freunden ist Koch in einem Sternerestaurant. Frag nicht, wie sein Weg aussah… aber ich arbeite eben nicht für die Gastronomie, sondern mein Herz schlägt für die Tiermedizin, eben auch aus sehr persönlichen Gründen, und einer davon ist gerade 25 Jahre alt.
Und gleichzeitig finde ich die Frage interessant, woran Menschen eigentlich scheitern. An fachlicher Komplexität? Oder eher an chronischer Überforderung, psychischem Druck, fehlender Unterstützung und dem Gefühl, besser nicht sichtbar kämpfen zu dürfen?
Das ist für mich ein Unterschied, denn fachliche und persönliche Anforderungen gehören zu Berufen mit viel Verantwortung, auch zu meinem. Anpassungsmechanismen sollten wir allerdings kritisch in Hinblick auf ihre Funktionalität bzw. Dysfunktionalität betrachten, weil sie uns Hinweise darauf liefern, wo wir ansetzen können. Sprich: was arbeitet für, und was gegen uns?
Was bedeutet das für Menschen mit hohem Idealismus?
Menschen, die in helfende Berufe gehen, bringen oft Eigenschaften mit, die einerseits wertvoll sind und andererseits nachgewiesenermaßen verletzlich machen. Ein hohes Verantwortungsgefühl, den Wunsch, hilfreich zu sein, hohe Ansprüche an sich selbst. Durchhaltevermögen, eine starke Identifikation mit der Rolle.
Das sind alles ganz wunderbare Ressourcen, aber sie können eben auch kippen, wenn Schutzfaktoren fehlen. Denn wer sich stark über Leistung, Verantwortung und Helfen definiert, hält oft länger durch, als gesund wäre. Nicht unbedingt aus Stärke, sondern aus innerer Verpflichtung. Oder weil Aufgeben sich schlicht nicht wie eine Option anfühlt.
Eben beim Schreiben muss ich ein bisschen über mich selbst schmunzeln. Denn wenn man meine Tochter fragen würde, ob ich ein besonders anspruchsvoller Mensch bin, ob ich viel von mir und meinem Umfeld verlange, wäre ihre Antwort knapp und klar.
Ja, ich fordere viel, von ihr und auch von mir. Und ich halte Leistung, Verantwortungsübernahme und Verbindlichkeit nicht für problematische Konzepte, ganz im Gegenteil. Dazu passt, dass ich meine Kindheit und Jugend praktisch ausschließlich in der Turnhalle verbracht habe, im Leistungssport Turnen. Oft hatte ich so viel Angst, oft bin ich gescheitert, und oft durfte ich durch die Unterstützung meiner Trainer diese Angst überwinden und über mich hinauswachsen.
Ich glaube also nicht, dass die Lösung darin liegt, Anforderungen grundsätzlich zu senken oder Belastung zum Tabuthema zu erklären. Manchmal braucht es eben Pragmatismus, Zusammenreißen, Augen zu und durch. Und ich denke, das betrifft auch und gerade die Berufe, in denen Verantwortung nicht warten kann.
Nicht jede Situation lädt zur Selbstreflexion bei einer Tasse Tee ein. Aber wir müssen uns zumindest die Frage stellen, ob unser Handeln gerade eine situativ sinnvolle Strategie ist, oder ein Lebenskonzept.
Problematisch wird es nämlich dort, wo Funktionieren nicht mehr eine bewusste Entscheidung für bestimmte Phasen ist, sondern der Standardmodus. Weil dann nicht mehr wahrgenommen wird, was eigentlich gerade los ist, wie es mir geht, was etwas mit mir macht. Was ich brauche, um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben. Und weil gar nicht mehr klar ist, welche Anforderungen tatsächlich aus dem Beruf entstehen – und welche aus stillschweigend übernommenen inneren oder kulturellen Erwartungen.
Ich spreche in der Arbeit mit meinen Klient*innen manchmal von der „Liebevoll-Brille“, die sie aufsetzen sollen, bevor sie sich anschauen. Das ist keine kitschige Weichspülerei, sondern es führt ihnen vor Augen, dass sie sich vielleicht gar nicht wirklich anschauen, sondern sich prüfen. Sich bewerten und oft auch verurteilen. Reicht das? War das gut genug? Warum kriegen andere das scheinbar besser hin? Warum bin ich nicht belastbarer?
Gerade in einem Berufsfeld wie diesem halte ich das für eine hoch relevante Dynamik, denn die Selektion sorgt dafür, dass nur intelligente Menschen mit einem hohen Leistungsmotiv überhaupt diese Ausbildung antreten und absolvieren können, das seinerseits meist einhergeht mit einer gewissen Form von Perfektionismus und auch mit einer Härte gegen sich selbst korreliert.
Welche Folgen hat soziale Isolation in einer ohnehin belasteten Phase?
Meine Tochter begann ihr Studium 2019. Ein Semester in Präsenz, mit Neugierde und Ehrfurcht im Präpsaal und Stunden in der Anatomiesammlung, und dann kam Corona. Und damit für viele Studierende eine Situation, deren psychologische und damit auch ganz praktische Auswirkungen wir noch nicht endgültig abschätzen können.
In herausfordernden Phasen sind Beziehungen kein Luxus, sondern sie sind ein Schutzfaktor. Gemeinsames Lernen, sich austauschen über Wissen und Überforderung. Das Gefühl, nicht allein zu sein, Humor, Verbundenheit und gegenseitige Entlastung und Unterstützung. Viele Studierende dieser Zeit hatten genau das nur sehr eingeschränkt.
Nun war bei uns war zu Hause dauernd viel los: beide Eltern daheim, ein Kindergartenkind, ein 9.-Klässler und eine frische Studentin. Und trotzdem war meine Tochter in vielem allein. Allein mit ihrem Schreibtisch, ihrem Laptop, ihrem Lernstoff und ihrer Unsicherheit. Das war sicher nicht für alle gleich belastend. Aber soziale Isolation in ohnehin anspruchsvollen Phasen ist psychologisch kein Nebenaspekt.
Was nehmen junge Tierärzt*innen als implizite Botschaft mit?
Natürlich nicht jede*r dasselbe. Aber möglicherweise zum Beispiel: Dass man funktionieren muss. Dass Jammern nicht hilfreich, und Durchhalten ein Qualitätsmerkmal ist. Dass Gefühle besser kontrolliert bleiben. Dass Hilfe holen eher spät statt früh passiert (an dieser Stelle: es gibt so tolle Angebote, zum Beispiel die Vethilfe e.V. und Vetivolution – nutzt das; KEIN Problem ist zu klein!). Dass sichtbare Überforderung ein Problem sein könnte. Dass Schwäche womöglich bedeutet, nicht geeignet zu sein. Hoffentlich merkt das niemand…
Vielleicht liest du das und denkst: Das ist ja mal wieder einseitig und zugespitzt. Vielleicht. Aber es eine wesentliche Lebenskompetenz, nicht nur in Sachen Kommunikation, ehrlich hinzuschauen, welche Botschaften wir – bewusst oder unbewusst – tatsächlich vermitteln, und welche wir wahrnehmen und unser Handeln leiten lassen.
Das Studium endet, die Muster oft nicht. Das ist seit Jahrzehnten so.
Menschen legen ihre psychologischen Anpassungsstrategien nicht mit dem Examen ab. Wer gelernt hat, Belastung still zu tragen, Hilfe spät zu suchen, Selbstwert an Leistung zu koppeln oder eigene Bedürfnisse zuverlässig hintenanzustellen, bringt diese Muster mit in den Berufsalltag. Und dort treffen sie auf weitere Belastungen – vielleicht kennst du die eine oder andere von dir selbst: Helferidentität. Perfektionismus. Verantwortungsgefühl. Emotionale Exposition. Gespräche mit belasteten oder ausrastenden Tierhalter*innen. Kundendruck. Zeitdruck. Ökonomischer Druck. Erwartungsdruck. Teamdynamiken. Personalmangel. Führungsprobleme.
Spätestens hier wird aus einem individuellen Thema ein Systemthema, denn dann geht es nicht mehr nur darum, wie einzelne Menschen mit Belastung umgehen. Sondern dann geht es auch darum, welche Haltung in Teams gelebt wird. Welche Erwartungen formuliert werden. Wie mit Fehlern, Grenzen, Emotionen und Überforderung umgegangen wird.
Was bedeutet das für dich, die oder der du schon viele Jahre Erfahrung, dir durch Leistung und Engagement so viel aufgebaut hast?
Ich glaube, da steckt eine ganze Menge drin; auch für dich, wenn du magst
Denn Kultur wird eben nicht abstrakt gestaltet, sondern durch Menschen wie dich: durch erfahrene Kolleg*innen, durch die Praxisinhaber*innen. Durch Klinikleitungen, durch Ausbilder*innen und durch Führungskräfte.
Vielleicht kamen dir beim Lesen innere Gegenargumente. „Naja… so schlimm war es früher auch nicht.“ „Es ist halt ein harter Job, und das wird sich auch nicht ändern.“ „Wir haben das schließlich auch geschafft.“
Das sind alles vollkommen nachvollziehbare Gedanken, und du hast in so vielen Punkten Recht – und gleichzeitig wird es aus meiner Sicht genau dort spannend, weiterzugehen.
Denn was hat dieser Gedanke mit dir zu tun? Verteidigst du etwas in diesem Moment? Eine notwendige professionelle Haltung? Oder vielleicht etwas, an das du dich selbst angepasst hast? Oder etwas anderes..?
Mein persönlicher Schlussgedanke
Jetzt gerade bin ich hauptsächlich stolz. Ich weiß nicht, wo diese gut 20 Jahre seit dem Kindergartenkind hin sind, aber ich sehe in meiner Veti-Tochter (so habe ich sie zu Beginn meines Blogs genannt – das war jetzt wohl das letzte Mal) eine junge Frau, die ihren Traum verfolgt, viel investiert und ihren Weg gemacht hat. Und die nun am Anfang eines neuen Weges steht, von dem wir gerade nicht wissen, was er ihr alles bringen wird.
Ich bin so dankbar, dass sie diese Chance bekommen hat und dass wir in der Lage waren, sie zu unterstützen, wo wir nur konnten (ehrlich: Physiologie hat sogar mir den letzten Nerv geraubt. Aber die coole Flipchart mit jedem einzelnen Nerv auf einem kleinen PostIt-Zettel zu den 3 Strängen im Nervensystem habe ich heute noch vor Augen).
Hauptsächlich war das emotionaler Support, und „Coaching“, glaube ich. Das schien uns, insbesondere als sie dann als Famulantin in einer Pferdeklinik angefangen hatte, am wichtigsten. Sie stark zu machen für das, womit sie umgehen musste, ihren Anteil an schwierigen Situationen mit ihr gemeinsam zu reflektieren, Entwicklungschancen zu identifizieren, aber ihr auch sehr klar zu sagen, wo sie sich abgrenzen darf bzw. muss. Diese Couchgespräche nach ihren Schichten und die vielen Gespräche mit den Kommilitoninnen, die ich näher kennenlernen durfte, waren mein Zündfunke für meinen Fokus auf die Tiermedizin.
Nicht ganz uneigennützig, denn für mich ist ein Leben ohne Menschen und Tiere nicht denkbar, und natürlich ist da auf der einen Seite viel Potential, und ich arbeite in meinem absoluten Traumberuf. Und auf der anderen Seite freue ich mich so sehr, wenn ich einen kleinen Beitrag leisten kann, dass der Traumberuf meiner Tochter, aber auch vieler anderer Menschen in der Tiermedizin unter dem Strich mehr Freude als Frust bringen wird.
Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir nicht nur darüber sprechen, wie Menschen belastbarer werden, sondern auch darüber, welche Systeme Menschen gesund halten. Und darüber, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.
Da fällt mir ein: viele Tierärzt*innen haben mir schon erzählt, dass ihre Eltern ihnen ursprünglich von dem Beruf abgeraten hätten – und das waren übrigens sehr häufig Kinder aus Tierarztfamilien…
Wenn dich beim Lesen meines Artikels etwas berührt hat, etwas genervt, du innerlich genickt oder spontan widersprochen hast, dann könnte genau dort ein interessanter Punkt liegen, den es lohnt, neugierig und offen anzuschauen.
Wo kannst du mitgehen, wo regt sich Widerstand? Welche Sätze kennst du aus deiner eigenen Ausbildung oder deinem Berufsalltag? Welche davon gibst du heute vielleicht selbst weiter? Und wie schaust du eigentlich auf dich selbst? Mit Wohlwollen, mit realistischer Freundlichkeit oder eher mit dem kritischen Blick einer inneren Prüferin oder eines inneren Prüfers?
Und wie könnte es für dich ganz konkret aussehen, in fordernden Phasen durchzuhalten, ohne dich selbst vollständig aus dem Blick zu verlieren? Denn ja: Pragmatismus, Zusammenreißen und Augen zu und durch gehören manchmal dazu. Aber sie taugen nicht als alleinige Lebensphilosophie.
Gleichzeitig weiß ich aus meiner Arbeit mit Menschen – und mir selbst – sehr gut: Das klingt oft einfacher, als es ist. Sich selbst ehrlich zu reflektieren, ohne in Selbstkritik, Abwehr oder end- und ergebnisloses Grübeln zu geraten, braucht Übung – und alleine gelingt das oft nur begrenzt gut.
Genau deshalb halte ich es für so wichtig, diese Themen nicht als rein individuelles Projekt zu betrachten, sondern als Teil gelebter Kultur: in der einzelnen Praxis und Klinik, aber auch in der ganzen Landschaft. Wie sprechen wir miteinander? Wie reagieren wir, wenn jemand an Grenzen kommt?
Wie normal ist es, nicht nur über Fälle, Abläufe und Fehler zu sprechen, sondern auch darüber, was Arbeit gerade mit uns macht? Wieviel Wohlwollen gibt es – für andere und für uns selbst? Und wie viel unausgesprochenen Leistungsdruck?
Denn natürlich gibt es unzählige hilfreiche Tools, Methoden, Führungsmodelle und Kommunikationsansätze, die man lernen und mehr oder weniger nachhaltig anwenden kann, aber meiner Erfahrung nach braucht es eine bestimmte Basis, um diese ganzen Bemühungen nicht als gut gemeinten Versuch enden zu lassen:
Veränderung passiert nicht dadurch, dass etwas auf einem Konzeptpapier steht und im Teammeeting besprochen wird. Die Essenz liegt nicht in dem, was theoretisch über Führung, Kommunikation oder Gesundheit gedacht wird, sondern in dem, was tatsächlich gelebt wird: Wie miteinander – und übereinander – gesprochen wird. Wie Führung sich im Alltag anfühlt, für die Führenden UND die Geführten. Was Menschen sich trauen zu sagen. Wie auf Fehler reagiert wird. Ob Unterstützung suchen und anbieten als Stärke oder als Schwäche gelesen wird. Ob Belastung sichtbar sein darf. Ob nach einem harten Tag einfach weiter funktioniert wird. Oder ob jemand fragt: „Was ist denn gerade bei dir?“, weil er oder sie sich auch wirklich dafür interessiert.
Genau dort entsteht eine menschenfreundliche Kultur, die gegenseitige Unterstützung in den Fokus nimmt, die nachweislich ein It-Faktor für Gesundheit, Leistung und Stabilität für Unternehmen und ihre Menschen ist (und übrigens ist deren Fehlen der häufigste Grund für den ersten Arbeitsgeberwechsel bei jungen Tierärzt*innen nach dem Berufseinstieg).
Und außerdem entscheidet sich genau dort oft mehr, als jedes Training allein je leisten kann. Sparen wir uns also aufwändige Prozesse und machen es einfach.
Wer mehr über meine Angebote wissen will, wird hier auf meinem VetStage-Profil fündig!
Egal, ob du ein Veti, frischer oder gereifter Vet bist – teile doch gerne deine Erfahrungen mit mir! Wie ist das bei dir mit dem Durchhalten?



