Stress und Burnout als Folge von Stress sind in der Tiermedizin alles andere als ein Randthema - und doch reden wir zu oft am Thema vorbei.
Die Zahlen sind bekannt, und die Diskussionen auch. Manche brennen für das Thema Mental Health, und andere verdrehen dabei die Augen. Ich brenne natürlich dafür – als Psychologin wäre es schon recht seltsam, wenn nicht. Aber ich finde auch spannend, ob die „Augenverdreher“ denn wirklich mental gesünder sind als „die anderen“.
Spätentwickler Tiermedizin
Bereits vor 2010 liefen in UK und USA Studien zu einem erhöhten Suizidrisiko bei Tierärzten, die Hinweise auf einen Zusammenhang mit hoher Belastung lieferten(1). Das Bemerkenswerte daran: Wissen war also da – wurde aber kaum öffentlich diskutiert. Hier fand der Shift etwa ab 2018 – 2020 statt: es wurden mehr Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, es fanden zunehmend Diskussionen in Fachmedien und -Kreisen statt und erste Initiativen zu „Wellbeing“ liefen an. Auf Kongressen finden wir inzwischen mitunter eigene Themenblöcke – wenn auch noch in eher kleinen Vortragssälen, im Vergleich mit den medizinischen Themen.
Irrtum #1: Burnout entsteht durch zu viel Stress
Die Studienlage zeigt sehr konsistent, dass Stress allein Burnout nicht ausreichend erklärt. Entscheidend ist vielmehr das Verhältnis von Anforderungen/Stress und Ressourcen/Schutzfaktoren. Eine Auflistung der zugrundeliegenden Studien findet sich am Artikelende.
Was wirklich schützt
- Verbundenheit und soziale Unterstützung (höchste Gewichtung) wirken als stärkste protektive Faktoren in Studien, fungieren als Stresspuffer und reduzieren die emotionale Erschöpfung
- Sinn (mittlere Gewichtung) hilft, die Belastung zu reframen und schützt vor Zynismus
- Freude / positive Emotionen (unterstützend) aktivieren den Parasympathikus, was unsere Handlungsspielräume erweitert, und jeder einzelne Moment fördert eine kurzfristige Entlastung und Regulation des Nervensystems
Nicht der Stress selbst macht uns krank, sondern fehlende Ressourcen, die uns schützen würden – allen voran wenn wir uns alleine gelassen, nicht wertgeschätzt und unverbunden fühlen.
Irrtum #2: Selbstfürsorge & Resilienz lösen das Problem
Die Forschung zeigt, dass individuelle Strategien zwar ausgesprochen hilfreich, jedoch nicht ausreichend sind. Vielmehr sind soziale und organisationale Faktoren entscheidend(3).
Was wirklich schützt
- Verbundenheit / soziale Unterstützung (höchste Gewichtung) durch echte Gespräche, kollegialen Austausch und sich verstanden fühlen
- Freude (mittlere Gewichtung) durch gemeinsame positive Erlebnisse, Humor und Leichtigkeit im Team
- Sinn (unterstützend) stärkt unsere Motivation und wirkt dadurch positiv auch auf die anderen Bereiche, reicht aber alleine ebenfalls nicht aus
Stress und Burnout lassen sich nicht „wegselfcaren“, „wegmindsetten“ oder „wegresilienzieren“, sondern brauchen soziale und strukturelle Antworten.
Irrtum #3: Mehr Erfahrung, Qualifikation oder Weiterbildung schützt vor Burnout
Das Gefühl, den Anforderungen des Berufs gewachsen zu sein, ist ein Schutzfaktor; Überforderung und Hilflosigkeit ein Stressor. Jedoch zeigen Studien, dass eine hohe Qualifikation nicht automatisch schützt, sondern dass Residency und Weiterbildung sogar oft mit hoher Belastung und schlechterer Lebensqualität verbunden sind.
Was wirklich schützt
- Verbundenheit / soziale Unterstützung (höchste Gewichtung) erzeugt ein Gefühl von Zugehörigkeit und das Gefühl, nicht alles alleine tragen zu müssen
- Sinn (mittlere Gewichtung) gibt eine Antwort auf die Frage „Warum mache ich das überhaupt?“, und die subjektiv erlebte Sinnhaftigkeit wirkt als Schutzfaktor vor hoher Belastung
- Freude (unterstützend, aber entscheidend für Nachhaltigkeit) wirkt als Gegenpol zur Daueranspannung und hält zusätzlich Arbeitnehmende länger im System – sprich: sie kündigen nicht so schnell, wenn die Überstunden auflaufen
Kompetenz ist wichtig, schützt aber nicht vor Burnout.
Take Aways
Burnout wird also nicht allein durch die Belastung am Arbeitsplatz bestimmt. Bestimmte Ressourcen haben vielmehr eine zentrale Bedeutung. Besonders gut untersucht sind soziale Unterstützung, erlebte Sinnhaftigkeit und positive Emotionen und „Engagement“. Diese Faktoren stehen in zahlreichen Studien signifikant mit geringer Burnout-Ausprägung und besserer psychischer Gesundheit in Zusammenhang(2).
Verbundenheit wirkt also als der stärkste Schutzfaktor. Sinn gibt Orientierung und Stabilität, und Freude sorgt für Beweglichkeit und Regeneration. Ihr Zusammenspiel macht den Unterschied.
Die schlechte Nachricht für diejenigen, die das „Beziehungsgedöns“ in der Praxis nicht so gerne mögen: das ist schon okay und lässt sich ein Stück weit durch Benefits wie eben Resilienztrainings oder einen Obstkorb kompensieren, aber ihr werdet gemeinsam vermutlich weit hinter eurem eigentlichen Potential zurückbleiben.
Die gute Nachricht aber: man braucht gar keine X Trainings und Fortbildungen, um hinreichend viel richtig gut zu machen, um Verbundenheit, Sinn und Freude zu fördern (das ist eher die schlechte Nachricht für mich).
Meine Empfehlung: es reicht für den Anfang, dich immer wieder neu mit deiner Freude und deinem WHY für deine Arbeit und deine Praxis zu verbinden – und neugierig zu sein, dasselbe bei Team und Kollegen zu entdecken und zu wecken. Damit hast du das zentrale Element von Führung bereits umgesetzt.
Dann ergeben sich zumindest die Anfänge anderer notwendiger Themen wie eine offene, wertschätzende Kommunikation, ein konstruktiver Umgang mit Konflikten, eine positive Fehlerkultur, Innovationskraft und vieles mehr praktisch von selbst.
Und wer gleich Lust auf mehr und praktische Tipps zur Umsetzung hat, wird hier auf meinem VetStage-Profil fündig!
Ich bin schon Berufs wegen neugierig – teile gerne deine Erfahrungen mit mir!
Und: heute schon gefreut?



