Einige wissen es:
Ich habe neben beruflichen auch ganz persönliche Einblicke in das, was unsere „Vetis“ bewegt; meine Tochter schließt ihr Studium der Tiermedizin ebenfalls im Frühjahr 2026 ab. Seit 2019 durfte ich sie und einige Kommilitoninnen (da brauche ich gar nicht gendern; das waren wirklich alles junge Frauen) durch alle Höhen und Tiefen begleiten, die auch die Generationen an Tiermedizin-Studierenden vor ihnen bereits durchlebt haben. Und noch durch ein paar neue mehr, denn dazwischen lag ja mit der Pandemie eine noch nie dagewesene Situation mit unterschiedlichen Herausforderungen für uns alle.
Eine altbekannte Herausforderung kommt jetzt mit dem Ende der letzten Staatsexamina wieder auf uns zu: die frisch gebackenen Tierärztinnen und Tierärzte treten in den Praxis- oder Klinikalltag ein. Ich bin mir sicher, die meisten starten voller Motivation und mit Plänen im Kopf, aber auch mit Respekt vor der großen Verantwortung. Gleichzeitig höre ich in Gesprächen mit erfahrenen Tierärzten immer wieder eine ähnliche Botschaft: „Die jungen Tierärzte werden immer passiver.“
An der Stelle frage ich immer nach, was genau damit gemeint ist, und am häufigsten geht es um wahrgenommene Zurückhaltung, wenig Initiative oder große Unsicherheit und das Vermeiden von Entscheidungen und damit von Verantwortungsübernahmeim Praxis- oder Klinikalltag. Gleichzeitig nehmen viele „alte Hasen“ auch wahr, was ich aus Gesprächen mit den Jungen erfahre: diese setzten häufig selbst stark unter Druck und haben das Gefühl, von Anfang an alles wissen und richtig machen zu müssen.
Es entsteht ein interessantes Paradox: während die einen Passivität wahrnehmen, kämpfen die anderen mit den zu hohen Erwartungen an sich selbst. Aber das ist natürlich nicht alles.
Ein weiterer Punkt, den ich interessant finde ist, dass ich des öfteren auch höre, dass „die Jungen“ eher zurückhaltend darin sind, Fortbildungsangebote wahrzunehmen – sowohl die vielen kostenlosen verschiedener Anbieter, als auch diejenigen, die vom Arbeitgeber finanziert werden. Das ist objektiv messbar, ob Fortbildungen besucht, Punkte gesammelt und Budgets abgerufen werden.
Aber zunächst zu den „weichen“ Beobachtungen:
Die Perspektive der Berufseinsteiger
Sie wollen kompetent wirken, keine Fehler machen und möglichst schnell zeigen, dass sie der Verantwortung des Berufs gewachsen sind. Gleichzeitig ist der Schritt vom Studium in den Praxisalltag groß.
Der Beruf des Tierarztes gehört zu den wissensintensivsten medizinischen Berufen (das wissen allerdings „außerhalb“ nur wenige Menschen). Viele Entscheidungen beruhen nicht nur auf Wissen, sondern vor allem auch auf Erfahrungen, und die muss im Laufe von vielen Jahren wachsen, damit auf dieser Basis auch die Intuition ein guter Ratgeber z.B. bei diagnostischen oder therapeutischen Entscheidungen werden kann.
In dieser Situation entsteht also ein klassischer innerer Konflikt: ich möchte souverän auftreten, muss es ja auch vor den Kunden, aber bin gleichzeitig unsicher. Diese Unsicherheit zeigt sich häufig – Ausnahmen bestätigen die Regel – als Vorsicht oder Zurückhaltung.
Gleichzeitig braucht es sowohl ein wenig Zeit und vor allem ganz bestimmte Maßnahmen seitens Praxis oder Klinik, die zum Gefühl der psychologischen Sicherheit beitragen und so Initiative und Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme fördern. Diese psychologische Sicherheit ist kein „Psycho-Kram“, sondern ein in Wissenschaft und Praxis schon lange unstrittig anerkannter „It-Faktor“ für gute Performance in Teams und Organisationen.
Die Perspektive der "alten Hasen"
Aus Gesprächen weiß ich, dass Arbeitgebende gar nicht erwarten, dass die Berufseinsteiger bereits komplexe Diagnosen oder Therapieentscheidungen beherrschen. Was sie sich wünschen, sind u.a. ganz grundlegende Dinge:
- Initiative am Patienten:
- Eine strukturierte Anamnese
- Eine gründliche klinische Untersuchung
- Ein erstes systematisches Vorgehen
Kurz gesagt: einfach anfangen.
Wenn diese Initiative ausbleibt, entsteht häufig der Eindruck der Passivität – dabei ist es systemisch betrachtet Ausdruck einer Erwartungslücke in Kombination mit Misskommunikation.
Das Schöne ist, dass es somit auch recht einfache Ansatzpunkte und vielversprechende Hebel gibt, um hier Lösungen zu finden, die in das gesamte System hineinwirken, ohne dabei viel Zeit zu fressen.
Hier schließt sich der Kreis zu meinem letzten Beitrag, der ein Führungsinstrument zur Lösung von wiederkehrenden Praxisproblemen vorstellt.
Und wer gleich Lust auf praktische Umsetzung hat, wird hier auf meinem VetStage-Profil fündig!
Egal, ob du ein Veti, frischer oder gereifter Vet bist – teile doch gerne deine Erfahrungen dazu mit mir!



